In Berlin zu leben hat neben völlig abgedrehten Mieten, einer konservativen Auto verliebten Regierung und schlechten Fahrradwegen auch seine Vorteile: eine große Community an Zugezogenen aus verschiedensten Ländern, die Bock auf Rollenspiel haben. Durch Zufall bin ich auf eine Gruppe gestoßen, die wöchentlich und auf Englisch Rollenspiele spielt. Wir haben Kampagnen und viele Few- und One-Shots mit wechselnden Spielleitungen.
Durch die Gruppe spiele ich regelmäßig mit Menschen, die ich nicht kenne oder noch nie ein Rollenspiel gespielt haben. Was ich dabei gelernt habe und worauf ich achte, wenn ich Runden ausschreibe und leite, möchte ich in dieser Artikelreihe mit Euch teilen (außerdem zwinge ich mich dazu, mir eine Checkliste zu schreiben 😉)
Im ersten Post ging es darum, wie ich meine Runden so ausschreibe, dass Menschen, die ich noch nicht kenne oder sogar neu im Hobby sind, Lust haben, sich an meinen Tisch zu setzen. Im zweiten Artikel sammle ich alle Tools, welche ich verwende, um meinen Tisch so welcoming wie möglich zu gestalten.
CATS-Methode #
Die CATS-Methode (Concept, Aim, Tone, Subject Matter) verwende ich nicht nur, um meine Runden zu beschreiben, sondern am Anfang noch mal zu checken, ob wir alle dasselbe erwarten vom Abend. Nichts ist enttäuschender als, in einem Dungeon zu enden, obwohl alle davon ausgegangen sind, einen Mord im Gasthaus zu lösen.
Safety tools #
Ich verwende immer einen Grundstock an Safety Tools, mindestens X-Card und open door. Gerade wenn die Menschen sich nicht untereinander kennen, ist es gut klarzustellen, dass sich alle am Tisch wohlfühlen sollen. Safety Tools sind nicht nur Tools, sondern kommunizieren auch “es ist OK, wenn Dir etwas nicht gefällt und es auch sagst”. Eine kleine Sammlung an Safety Tools findest Du im Wiki von PnPDE.Social.
Es ist egal wie lange Du schon Rollenspiele spielst! #
Ich höre häufiger von neuen Rollenspielenden den Satz: “Ich hoffe, ich halte hier nicht alle auf, die spielen ja schon viel länger als ich.” Mich ärgert das unheimlich. Wir wollen gemeinsam Geschichten erzählen und Spaß haben und nicht schlecht fühlen, weil wir erst gerade mit dem Rollenspiel angefangen haben. Ich vermute, dass Neue verunsichert sind; kommt davon, dass am Anfang von Runden, wenn wir uns vorstellen, irgendwer meint, sich vorstellen zu müssen mit “Ich bin der Dieter und spiele seit 30 Jahren Rollenspielen.”
Es scheint so ein Ding zu sein, gerade im Hobbybereich, sich damit zu beschreiben und vermutlich auch profilieren zu wollen, wie lange wir einem Hobby nachgehen. In der Berufswelt mag das durchaus relevant sein (aber nicht immer von Vorteil), im Hobby sollte es irrelevant sein. Schlimmstenfalls passiert das, was ich häufig erlebe: Menschen sind verunsichert und bewusst oder unbewusst findet Gatekeeping statt.
Was ist Gatekeeping?
Kurz: Menschen, die anderen, meist neu in einem Hobby, absprechen, Dinge richtigzumachen. Gatekeeper definieren häufig, durch jaaaaahrelange Erfahrung, wie ein Hobby richtig funktioniert und schrecken neue ab. Eine viel bessere, ausführlichere Erklärung zum Gatekeeping im Rollenspiel, LARP etc bietet Amalia in ihrem Blogartikel „Du kommst hier nicht rein!“ – Gatekeeping in Hobbys.
Ich schlage immer vor, dass wir uns mit einer Frage vorstellen. Manchmal ist die Frage, Spiel bezogen, manchmal nicht. Denn es ist egal, ob Maria und Hannes schon 30 Jahre Rollenspiele spielen, es heißt nicht, dass sie bessere Rollenspieler*innen sind - was auch immer das bedeutet.
Ach, komm, hier sind 1W6 Fragen, die besser sind, zu beantworten, als wie lange jemand schon Rollenspiele spielt:
- Welcher Nebencharakter aus Buch/Film/Spiel ist Euch noch lange in Erinnerung geblieben und warum?
- Warum hast Du heute richtig Lust auf diese Spiel/Szenario?
- In welcher Epoche würdest Du gerne mal spielen und warum?
- Was ist Euer Favorite Antagonist*in?
- Welche Künstler/in / Sportler/in begeistert Euch gerade und warum?
- Über welches TV Show /Buch/Film/Spiel hast Du noch tagelang nachgedacht?
Die Antworten eignen sich natürlich super, um von der Spielleitung aufgegriffen zu werden.
Vorgefertigte Charaktere #
Gerade für One-Shots greife ich gerne auf fertige Charaktere zurück, häufig haben diese sogar einen fertigen Hintergrund, den die Spielenden erst lesen müssen.
Meiner Erfahrung nach ist das auch super für Neulinge, selten ist die Charaktererschaffung einfach oder schnell erledigt, natürlich gibt es dabei Ausnahmen.
Allerdings, wenn die Charaktere vorgestellt werden, frage ich noch mal ein oder zwei Details über die Charaktere. So haben die Spielenden gleich die Möglichkeit, sich ihre Charaktere anzueignen.
Weg mit dem Hobby sprech #
“Boa, letztes Wochenende hat unsere DM einen CoC7 One-Shot geleitet und nach 2 critical fails hatten wir einen TPK.” Oder “Die Str. von deinem Char ist 2W6 + lvl.” Sowohl geschrieben als auch gesprochen entwickeln Menschen mit gemeinsamen Hobbys schnell Abkürzungen, Codes und Redewendungen. Während die für alle, die Codes kennen, cool sind, wirken sie für alle Außenstehenden abschreckend, unverständlich oder im schlimmsten Fall überheblich (hat jemand Gatekeeping gesagt?). Ganz davon abgesehen, dass Menschen wie ich, mit einer Legasthenie, Probleme mit diesen ganzen schei* Abkürzungen haben :kiss:
Also weg mit den Abkürzungen, Codes und Redewendungen. Falls Eure Charakterbögen diese verwenden, habt Verständnis, wenn Menschen Str. und Stärke nicht gleich miteinander in Verbindung bringen. Am besten erklärt Ihr alle Abkürzungen am Anfang.
Oder noch besser, Ihr baut Charakterbögen, die keine Abkürzungen haben 😜
Verteile Aufgaben am Tisch #
Ich verteile gerne Aufgaben am Tisch. Ich weiß gar nicht, ob dieser Tipp daher kommt, dass ich als Spielleitung nicht für alles verantwortlich sein möchte oder ob es hilft, Menschen schnell zu integrieren. Ich bin jedoch überzeugt, es hilft, neue Regeln und Mechaniken besser kennenzulernen. Beispiele:
- Meister/in der Zeit - stoppt Zeit und sagt an, wann 60 min vorbei sind und wir mal eine Pause machen. Pausen sind wichtig! Macht mal das Fenster auf ;)
- Meister/in der Tabellen. Eine Person bekommt, gerne bei Dungeon Crawl Classic, die gedruckten Waffentabellen etc. in die Hand gedrückt. Wenn Loot gefunden wird, muss diese Person die passenden Werte heraussuchen.
- Initiative tracker. Falls das System so etwas wie eine Kampfreihenfolge hat.
- Kartenmeister*in. Aufzeichnen der Karte, einfacher Point-Crawl reicht.
Stars und Wishes #
Stars und Wishes sind ein einfaches Instrument, um Feedback zu sammeln. Das Tolle an der Methode ist, dass sie kaum negative Kommentare produziert, sondern automatisch durch das Wording positiv Feedback produziert. Spielende fühlen sich automatisch ernst genommen und bekommen einen Rahmen, in dem es OK zu sagen, was beim nächsten Mal anders laufen sollte. Wie funktioniert das? Jede Person nennt einen (oder mehrere) Stars und Wishes nach einander. Nichts zu sagen ist auch OK!
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Stars: sind Highlights des Spiels: Was hat Dir besonders gut gefallen? Beispielsweise eine Szene oder die Interaktion mit einem anderen Charakter, dieser epische Kampf.
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Wishes: was würdet Ihr Euch beim nächsten Spiel wünschen? Beispielsweise mehr Interaktion mit NPCs, schnellere Kämpfe, mehr Zeit zum Interagieren zwischen den Charakteren oder einfach eine Shoppingtour mit vielen Gelegenheiten zur Interaktion zwischen den Charakteren.
Das Feedback, das ich durch Stars und Wishes erhalten habe, ist für mich unheimlich wertvoll, nicht nur um mein eigenes Spielverhalten zu reflektieren, sondern auch das System besser zu verstehen.
Eure Erfahrungen #
Während ich den Artikel schrieb, dachte ich, ich frage Mal auf Mastodon:
Schaut Euch den Thread an, da werden viele Themen aufgegriffen die mir auch nicht klar waren und auch über die Publisher-Szene im Hobby berichtet.
Und damit endet auch dieser Artikel. Was wünscht Ihr Euch für ein Verhalten von einer Spielrunde, an der Ihr das erste Mal teilnehmt oder was hättet Ihr Euch gewünscht, als Ihr angefangen habt mit dem Rollenspiel? Welche Tools und Methoden sind Euch wichtig, um Neue willkommen zu heißen